Beiträge für das Schlagwort "Vorurteile"

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Wie erlebt stephindus momentan die deutsche Einheit?

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Die deutsche Einheit hat leider noch immer einen längeren Weg vor sich. Auch unter Jugendlichen, die 1989 noch nicht geboren waren, herrschen Vorurteile gegenüber den jeweils "Anderen" im Westen oder Osten.
Arbeitslosigkeit und Leere im Osten stehen gegenüber vermeintlichem Wohlstand im Westen. Unwissenheit (häufig keine Reisen in den jeweils anderen Teil) schaffen weiterhin Vorurteile.

Bild von A.W.

Was verbindet A.W. mit dem 9. November 1989 - dem Tag der Maueröffnung?

Am 9.11.1989 habe ich die Pressekonferenz mit Schabowski live am Fernseher verfolgt. Ich war sprachlos, ungläubig und mir schlug das Herz bis zum Hals. Das war die Freiheit, die die Menschen in der DDR so lange entbehrt hatten.
Mit meiner jungen Familie begann ich die nun erreichbaren Orte jenseits der Grenze zu entdecken. Kassel, Coburg, Helmstedt, Wolfsburg, die hessische Rhön und vieles mehr. Die Entdeckungen lohnten die teilweise langen Wartezeiten an den hastig in den Grenzzaun geschnittenen Übergängen. Die Menschen reichten anfangs mit ehrlicher Freude Plastiktüten mit Obst in das Wagenfenster. Es war der Startschuss für die wiedergewonnene deutsche Einheit.
Bald war bei uns die Idee geboren, dass ich mir im Westen eine Arbeit suche. Am Tag der Währungsunion begann mein Arbeitsvertrag in Baden-Württemberg. Es war schon auch ein Druck. Denn inzwischen gab es Stammtischmeinungen, nach denen die Ossis nicht arbeiten können. Mit der Zeit habe ich diese Vorurteile widerlegen können. Es kommt immer auf den Einzelnen an, wie er sich in seine Umgebung einleben kann.
So war die deutsche Einheit für mich auch der Start in eine völlig neue Arbeitswelt mit größeren Chancen.
Anerkennung in der Nachbarschaft bekommt man durch Fleiß beim Häusle bauen und durch freundliche, offene Art. Das ist überall so.

Bild von Lucky

Wie erlebt Lucky momentan die deutsche Einheit?

Zur Frage "Wo wir in der deutschen Einheit stehen?" - Einige Schlaglichter, Gedankensplitter, Eindrücke eben... 1. Persönlich glaube ich, das sehr viel erreicht worden ist und dass wir alle - Ost und West - darauf stolz sein können. 2. Die "Einheit" ist vor allem äußerlich sichtbar: Infrastruktur, schöne moderne Straßen, moderne Einkaufscenter, schöne Eigenheimsiedlungen, sanierte bzw. gepfelgte Landschaften, respektable Firmengebäude, Ortskerne und Innenstädte mit Flair und schönen Freizeitangeboten etc. etc. etc. Das ist alles gewachsen, es sind aber vor allem Äußerlichkeiten - die sogar Vorurteile bedienen und schüren. Beispiel: Klassenkameraden (West), die mir beim Klassentreffen einreden wollen, dass es "denen im Osten doch sehr gut geht" und man brauche den Soli überhaupt nicht, es sei schon viel zu viel Geld in den Osten geflossen, das könne auch jeder sehen. Und das habe alles der Westen dorthin gebracht.... - ach, ich kann es nicht mehr hören. So denken nicht alle, aber zu viele, und sie streiten sogar für diese Meinung. Wenn ich das dann als "Wessie", der im Osten angekommen ist, versuche aufzuklären, hört man sich das staunend und zweifelnd an, möchte das eigentlich nicht zur Kenntnis nehmen (es gibt natürlich auch Ausnahmen). Vor allem Leute, die noch kaum oder sogar noch garnicht im Osten waren, "kleben" an ihren (falschen) Vorurteilen. Da ist die Einheit in den Köpfen nicht vollendet! 3. Ich treffe Bekannte und Verwandte (West), die nach der Wende für kurze Zeit im Osten "Aufbauhilfe" leisten mussten, aber einige persönliche negative Erfahrungen durchlebt haben, sogar, dass Geld "verbrannt" wurde - und schon kommt im Endresultat jetzt nach vielen Jahren heraus: Da laufe vieles falsch im Osten, Schwierigkeiten seien dort meist hausgemacht, und Hilfe (Soli) sei eigentlich nicht mehr nötig. hier hat sich Frust aus der Wendezeit nachhaltig festgesetzt. Einheit fortgeschritten? Zumindest in den Köpfen eher nicht. Der andere Blickwinkel, schließlich lebe ich ja seit 1990 im Osten, in Thüringen. Dort habe ich einen größeren Freundes- und Bekanntenkreis, der dort herstammt. Nette Leute, einfache und hochintelligente. Die meisten haben ein gutes Auskommen, einen Job, einige verdienen ziemlich gut, manche aber auch nur bescheiden. Die meisten haben aber eine schöne Wohnung, Autos sowieso, manche ein Eigenheim. Obwohl sich alle durchweg selbstverständlich zur Einheit bekennen, sind die meisten davon überzeugt, dass sie a) im Osten benachteiligt sind (Arbeitsmarkt, Verdienst, Chancen etc.) b) das es ihnen vergleichsweise schlechter geht, c) dass die Politik dies alles nicht wirklich regele im Osten d) dass, wenn es irgendwo Probleme gebe, doch der Staat viel mehr tun müsse e) dass sie gegenüber deutschstämmigen Aussiedlern (etwa aus ehemals sowjetischen Gebieten) benachteilihgt würden - dann kommt bei den Bekannten sowas wie Fremdenhass auf, weil unser Bekannter (Ost) nicht einsieht, warum eine vor einem oder zwei Jahren zugezogene Aussiedlerfamilie etwa "ein bestimmtes Auto fährt" oder "sogar in ein neues Reihenhaus" eingezogen ist... etc. Und dann wird sogar noch behauptet, diese (übrigens fleißigen) Leute würden den Menschen vor Ort Arbeitsplätz wegnehmen (Vielleicht denken sie das ja auch von den Wessies, die hier im Osten arbeiten, ich habe manchmal das Gefühl)... Wenn manchmal ausgelassen gefeiert wird in größerer Runde, hab ich es immer wieder bis in die jüngste Zeit erlebt, dass im alkholisierten Zustand unter Freunden und Bekannten schlimme Vorurteile wach werden, Frust verbal abgeladen wird. Grundtendenz meist: "Im Osten seien die Menschen nach wie vor benachteiligt". oder - etwa im Arbeitsleben: "da sei man sowieso nur Mensch zweiter Klasse weil eben aus dem Osten" und " es sei Aufgabe des Staates, die Dinge zu richten, sich zu kümmern"... Wenn ich als geborener Wessie und gewachsener "Wossie" dann den Versuch unternehme, dies zu entschärfen, richtig zu stellen, etwa , dass es nicht der Staat für die Menschen vorrangig richten müsse sondern die Menschen sich miteinander kümmern müssten, sich selbst engagieren sollten, Mitverantwortung übernehmen müssten, nicht ständig nach Vater Staat rufen dürfen, dann werde ich meist "abgewatscht" und habe schlechte Karten. Mein Eindruck ist (leider), dass viele sich in ihren Vorurteilen und in ihrem Frust bestärken, nach dem Vater Staat rufen, der es für sie angenehm und schmerzfrei richten soll... Und schließlich ein weiteres Bild: Ich treffe auf Leute, die nach (und vor) der Wende einiges Geld auf die hohe Kante legten und sich damit einen eigenen "Betrieb" eingerichtet haben. Und nun auch einige wenige Mitarbeiter haben. Die sind, was den vereinbarten Lohn angeht, aber völlig unterbezahlt, quasi im "Mini-Job". Die Leute arbeiten aber nicht nur wenige Stunden bzw. halbtags, sondern tatsächlich voll. Sie bekommen offiziell nur einen Betrag als Geringverdiener, den anderen Teil quasi unter der Hand, also schwarz. Die Beschäftigten beklagen sich eigentlich kaum, nehmen das so hin. Ihr Arbeitgeber ist der Meinung, dass sein Weg richtig ist, weil er hier im Osten ohnehin benachteiligt sei. Alle sind frustiert und sind sich einig. Zweifelhafte Einheit Ost. Ich vermag nicht zu sagen, ob es viele solcher Fälle gibt, denn ich kenne natürllich nur wenige davon. Allerdings kenne ich diese "Praxis" aus dem Westen von früher her nicht, will aber nicht ausschließen, dass es dort auch so etwas gibt.. Ich finde es schlimm, dass sogar die auf diesem Wege benachteiligten Arbeitnehmer und deren Angehörige der Meinung sind, dies sei nötig und eine Folge davon, dass der Osten benachteiligt sei... Ich will dies nicht weiter kommentieren! Ich habe nur in einer ganzen Reihe von Gesprächen mit verschiedenen Leuten festgestellt, dass etwa das Unrechtsbewusstsein (ob denn solche Beschäftigungsmöglichkeiten oder sogar anteilige Schwarzarbeit nicht zu akzeptieren seien) oft nicht sonderlich ausgeprägt ist. Doch die Schulzuweisungen werden nicht gegen die Verursacher erhoben, sondern gegen das "System", gegen den Staat, der "nicht die normal bezahlten Jobs zur Verfügung stellt". Der Staat soll es richten - diese Haltung bedeutet für mich, in den Köpfen ist die Einheit arbeitsmarktpolitisch nicht angekommen. Vielleicht ist das alles nicht wirklich repräsentativ, aber es sind keine Einzelfälle. Mein Fazit deshalb: Wir sind auf dem Weg der einheit zwar ein gutes Stück vorangekommen. Der Weg ist aber eine ziemliche Durststrecke und mitunter recht steinig. Erfrischung und Erleichterung werden immer wieder von "Vater Staat" verlangt. Anpacken (also arbeiten) wollen eigentlich alle - und gut verdienen. Allerdings gehen die Meinungen, welche Belastungen man dafür in Kauf nehmen müsse, himmelweit auseinander. Ein letzter Eindruck an dieser Stelle: Ich besuche regelmäßig ein Fitnesscenter und treffe dort morgens vor allem ältere Menschen aus der Region. Denen - meist Rentner - geht es vergleichsweise gut - ordentliches Auskommen, schöne Wohnung oder viele haben ein Eigenheim und respektable Autos sowieso. Doch beim Plausch zwischen der Fitness sind ganz viele dieser Leute zumindest verbal unzufrieden, beklagen ständig Ungerechtigkeiten zwischen Ost und West und was alles "früher hier besser war". das sind übrigens teilweise recht intelligente Leute, die sich derart ihren Frust erzählen. Von vollendeter Einheit kann dabei ja wohl nicht die Rede sein, auch wenn dann einige (nicht alle) voller Stolz von ihren "zahlreichen Reisen" berichten. Schlecht geht es ihnen also nicht, aber der Frust ist dennoch oft ihr zentrales Thema. Warum? Wo ist da die Einheit auf der Strecke geblieben?....

Bild von JTB

Wie erlebt JTB momentan die deutsche Einheit?

Da die Mauer kurz nach meiner Einschulung fiel, war für mich Ostdeutschland immer nur der Osten von Deutschland, nie eine andere oder gegensätzliche Einheit. Ich bin ohne zu zögern nach Magdeburg zum Studium gegangen; bei vielen meiner Freunde habe ich keine Ahung, ob sie ursprünglich aus der BRD oder der DDR kommen. Es ist mir auch egal, für mich gibt es nur ein Deutschland. Allerdings bemerke ich bei Alteingesessenen auf beiden Seiten noch immer Vorurteile, die sich teilweise ihn blanke Ablehnung steigern (ich bin einmal aus einer Kneipe geflogen, als herauskam, dass ich aus Westdeutschland komme).

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