Beiträge für das Schlagwort "treuhand"

Wie erlebt Parzival momentan die deutsche Einheit?
Nach meinem Eindruck wird keine ehrliche Diskussion und Information über die gegenwärtige deutsche Situation geführt. Von politischer Seite werden leider nur Schlagworte und Worthülsen benutzt, um den Zustand zu beschreiben, es erfolgt aber keine saubere Aufarbeitung des Einigungsprozesses trotz zahlreicher Studien, die in Auftrag gegeben worden sind. Dies lässt sich an vielen Beispielen demonstrieren. Stichwort: Blühende Landschaften. In dem Gebiet der ehemaligen DDR sind erkennbar großartige Fortschritte in der baulichen und technischen Infrastruktur erfolgt, aber unter 'blühenden Landschaften' stellen sich Menschen gemeinhin mehr vor, nämlich ein aktives Leben mit hoher Lebensqualität. Was bislang trotz enormer finanzieller Investitionen weitgehend misslungen ist, ist der Aufbau einer funktionierenden Wirtschaft, die ausreichend und fair bezahlte Arbeitsplätze schafft. Mit Arbeit wird auch Rechtsradikalismus verhindert. Stichwort Treuhand: Die Arbeit der Treuhand war ein einziges Desaster, wie man an der Größenordnung des Erblastenfonds erkennen kann. Wie wenig die Politik in der Lage ist, mit diesen selbst geschaffenen Erblasten umzugehen, sieht man an der gegenwärtigen Verschleierungsargumentation der Bundesregierung hinsichtlich der tatsächlich noch bestehenden Schulden. Stichwort Interpretation der Vergangenheit: Es sind wenig Fortschritte im gegenseitigen Verständnis zwischen West und Ost erzielt worden. In der öffentlichen Diskussion - vor allem jetzt im Wahlkampfjahr- werden die Bewohner der ehemaligen DDR systematisch diskriminiert und diskreditiert. Betont werden Kennzeichen der ehemaligen DDR wie Mauerbau, Todesschützen, Stasi etc, aber nicht die Tatsache, dass ein Volk von rund 17 Mio. Menschen versucht hat, einen eigenen gesellschaftlichen Weg zu gehen. Die erste friedliche Revolution in Deutschland, die vom Volk ausging, wird zwar immer wieder lobend erwähnt, es ist aber ein rein rethorische Floskel geworden, denn die reale Anerkennung dieser Leistung bleibt aus. De facto erfolgt eine unerträgliche Umschreibung der Geschichte, die damit beginnt, dass Helmut Kohl als Vater der Einheit gefeiert wird, obwohl sich die SPD unter Willy Brandt auf westdeutscher Seite immer für die Einheit stark gemacht hat und die CDU zu der Zeit mit Parolen wie "Freiheit statt Sozialismus" gearbeitet hat. Es wäre an der Zeit, die Leistungen der DDR wie z.B. Kinderbetreuung, medizinisches Versorgungssystem, wirkliche Umsetzung der Gleichberechtigung von Frauen, unverkrampftes Umgehen mit Sexualität etc. anzuerkennen. Es sollte nicht vergessen werden, dass es auch in Westdeutschland Opfer des politischen Systems gab. Ich darf nur daran erinnern, dass die Teilnahme an Demonstrationen gegen die Notstandsgesetzgebung Berufsverbote nach sich ziehen konnte. Wir befinden uns daher psychologisch betrachtet immer noch in der embryonalen Phase der deutschen Einheit. Westdeutsche wissen wenig bis gar nichts über das reale Leben in der DDR und sind auch mehrheitlich gar nicht an einer ehrlichen Aufarbeitung und einem grundlegenden Verständnis interessiert, da sie sich ja auf der "Sieger"-Seite fühlen, denn der Sieg des kapitalistischen Systems über das sozialistische System ist ja lange genug in der veröffentlichten Meinung gefeiert worden. Es sieht leider nicht so aus, als ob die Lektionen gelernt werden und die gegenwärtige weltweite Finanzkrise der kapitalistischen Wirtschaftsform zu einer anderen Perspektive und zu einem neuen Wohlstandsmodell führt.

Wie erlebt GTKöln momentan die deutsche Einheit?
Das ist in den Generationen unterschiedlich. Wer zur Wendezeit im Osten eine Arbeit hatte, mit der er sich identifizieren konnte, und dann irgendwie "abgewickelt" wurde, ist immer noch verbittert, die Treuhandgesellschaft hat viel Schaden angerichtet, sie hat das Selbstbewußtsein der in den Betrieben Arbeitenden beschädigt und ein blindes Vertrauen auf irgendwelche Investitoren versucht zu erzeugen. Leider gab es darunter eine Menge schwarze Schafe. Inzwischen sind diese Menschen berentet, sie erhalten eine niedrigere Rente, als wenn sie in den alten Bundesländern gearbeitet hätten. Die oft gehörte Ansicht, die Beitragszahler in den westlichen Bundesländern müssten die Rentner aus den östlichen mitfinanzieren wegen des wirtschaftlichen Aus' der ehemaligen DDR ist verletzend, denn - siehe oben - viele haben engagiert und erfolgreich gearbeitet. Die Berichte über die Höhe von Abfindungen für Aufsichtsratsvorsitzende und Manager, die Betriebe übernahmereif gemanagt haben, sind empörend, ebenfalls die Steuerhinterziehungsprozesse. Das ganze Steuersystem erzeugt wegen der Undurchsichtigkeit viel Unzufriedenheit. Das System der Krankenkassen führt zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, denn die meisten ehemaligen DDR-Bürger sind in der benachteiligten Gesetzlichen Krankenkasse. Aber nicht zu leugnen ist der wesentlich höhere Lebensstandard, den ehemalige DDR-Bürger jetzt genießen. Ein guter Kaffee und ein paar Genussmittel sind im allgemeinen im Etat - und das waren sie früher nicht. Auch reisen viele Leute, wohin sie früher niemals gekommen wären und die Vorstellung, dass jemand hinter der vorgehaltenen Hand einen Kommentar zum Westfernsehen gibt, ist ja wohl glücklicherweise heute absurd.

Wie erlebt Erfahrung momentan die deutsche Einheit?
Es gibt keine "deutsche Einheit"! Zumindest für eine ganze Generation Erwachsener nicht. Drittklassige Wichtigtuer aus den alten Bundesländern haben erstklassige Posten in Behörden, lukrativen Wirtschaftsunternehmen, Wissenschaft, Presse und Gesundheitswesen bekommen und sind als "Sieger" aufgetreten. Keine Einzelfälle sondern Massenerscheinung. Funktionierende Betriebe wurden aufgekauft um, nach Subventionsgeschenken (für die "Mutterfirmen" in den alten BL), geschlossen zu werden. Ganoven der "Treuhand" (schon der Name ist pervers) verschleuderten sog. Volksvermögen das den ex-DDR-Bürgern zustand. Ganztagsschulen, Ärztehäuser (ex-Polikliniken), ausreichend Kinderkrippen für jedes Kleinkind, System der Sekundärrohstofferfassung usw. werden neu erfunden, weil (aus der DDR kam ja nichts Gutes) diese Errungenschaften erst einmal vernichtet werden mussten!
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