Beiträge für das Schlagwort "Ost und West"

Bild von Barbarossa

Wann ist für Barbarossa die deutsche Einheit erfolgreich vollendet?

Über diese Frage habe ich lange nachgedacht.
Es wurde und wird ja viel davon geredet, daß die innere Einheit Deutschlands erst noch vollendet werden muß. Aber wie drückt sich diese "innere Einheit" aus? Woran erkennt man sie?

- gleiche Löhne? Es gibt auch in den "alten Bundesländern" keinen einheitlichen Lohn-Tarif.

- die hohe Arbeitslosigkeit? Sicher, aber es gibt auch in den alten Bundesländern Gegnen mit hoher Arbeitlosigkeit, wenn auch nicht so flächendeckend, wie in den "neuen" Bundesländern.

Ich habe diese Fragen auch in meinem noch sehr jungen, aber doch recht anspruchsvollen Politik-Forum ( http://www.politik-diskurs.bplaced.net/projekt-zur-deutschen-einheit-t22... ), in dem ich Moderator bin, gestellt und bin letztlich zu dem Schluß gekommen, daß die innere Spaltung Deutschlands inzwischen eigentlich nur noch eine Sache des Denkens der Bürger in Ost- und Westdeutschlands ist und somit von deren innerer Einstellung eines Jeden abhängt.

Wer nie aufhört, in Ost/West-Kategorien zu denken, bei dem wird auch die innere Einheit Deutschlands nie ankommen.

Bild von das darf doch wirklich nicht wahr sein

Was verbindet das darf doch wirklich nicht wahr sein mit dem 9. November 1989 - dem Tag der Maueröffnung?

Ich lebte damals in Süd-Deutschland. Wir verfolgten die Ereignisse mit Angst und Sorge um die Menschen in der DDR, weil wir befürchteten, dass das Militär oder die Polizei zur Waffe gegen die aufgebrachte Bevölkerung greifen würde. Ich werde das Gefühl der Freude, das wir empfanden, nie vergessen, als die Menschen sich nach der Maueröffnung in den Armen lagen. Wir haben damals für sie gezittert und vor Freude geweint. Wenn Ost-Deutsche heute behaupten, von den West-Deutschen missachtet worden zu sein, bitte ich sie, meinen Bericht vorurteilsfrei und in Erinnerung an die wirklichen Ereignisse, zu lesen: Am Sonntag nach der Maueröfnung, im November 1989, besuchte ich den Gottesdienst unserer Gemeinde. Nach dem Gottesdienst meinte der Dekan, dass in der Turnhalle der Stadt mehr als 150 Menschen (er sprach von Brüdern und Schwestern) aus der DDR auf Feldbetten untergebracht seien. Er bat uns, zu bedenken, ob wir nicht, nach unseren Möglichkeiten, Menschen in unsere Familien aufnehmen könnten. Wenige Tage danach war die Halle geräumt, alle hatten Aufnahme gefunden. Auch mein Mann und ich hatten eine 3-köpfige Familie zu uns geholt. Und damit begann eine sehr schmerzliche Erfahrung: Die Eltern rauchten ohne Ende in Gegenwart ihres 3 Monate alten Babys, missachteten jegliche Gastfreundschaft, indem sie sich benahmen wie die Vandalen. Als die Menschen in dem Stadtteil, in dem wir lebten, erfuhren, dass bei uns eine junge Familie aus der DDR lebte, machten sie spontan Sammelaktionen, bei denen ein Kühlschrank, Elektroherd, einige Möbel, aber auch gute! Kleidungsstücke für sie abgegeben wurden. Der junge Familienvater erlaubte sich auszusuchen, was seine Frau tragen dürfe und was nicht. Nach einigen Wochen, die junge Frau war wirklich eine ganz liebe, klagte sie mir ihr Leid, dass ihr Mann schon in vierter Ehe mit ihr verheiratet, und seine Kinder aus den früherern Ehen früh verstorben seien. Er selbst sei schon wegen Diebstahl und Raubes ind der DDR inhaftiert gewesen. Nach seinen Schilderungen war er in Ost-Berlin bei der Bahn beschäftigt gewesen. Sich selbst um einen Arbeitsplatz zu bemühen, war er nicht in der Lage. Ich nahm also Kontakt mit der Bahn auf, er stellte sich in meinem Beisein bei einem Rangierbahnhof vor. Nachdem er von der für ihn anfallenden Arbeit gehört hatte, lehnte ab: " In Berlin kamen höchsten 3 Züge pro Tag an, wir hatten Zeit zum Karten spielen oder zum Friseur zu gehen." Die Personen, die damals aus der DDR in unsere Region kamen, erhielten von der Gemeinde ein zinsloses Darlehen zur Gründung eines neuen Hausstandes. Dieser Herr hat sich von diesem Geld einen gebrauchten Audi 100 gekauft und ist, statt sich um seine Familie zu kümmern, damit nach Berlin gefahren. Da er keine Fahrpraxis besaß, Personen, die damals aus der DDR gekommen waren und bei der Zulassungsstelle angaben, ihre Fahrerlaubnis auf der Flucht verloren zu haben, bekamen, ohne Prüfung! einen Ersatz ausgestellt, hat er den Wagen auch gleich durch Unfall zuschanden gefahren. Nachdem ich erfahren hatte, dass ich mir einen Klein-Kriminellen ins Haus geholt hatte, bemühte ich mich um eine eigene Wohnung für diese Familie. Sie bekam die leer stehende Hausmeister-Wohnung einer Schule. Möbel und Einrichtungsgegenstände aus Sammlungen(wie auch schon beschrieben) und Geschenken. Meine Erfahrung war keine Ausnahme, alle mir bekannten Personen, die damals ihr Haus oder ihre Wohnung für die Menschen, für die wir echtes Mitgefühl empfanden, geöffnet hatten, erlebten ähnliche Probleme. Für die Zeit davor lassen Sie mich bitte noch sagen, dass ich regelmäßig, über mindestens 25 Jahre hinweg, Pakete mir nur durch Briefkontakt bekannte Menschen in Magdeburg und Umgebung, geschickt habe. Und glauben Sie mir bitte, ich habe keine Erbsen oder andere Hülsenfrüchte oder gar abgetragene Kleidung geschickt, wie man es heute immer wieder von den Ost-Deutschen zu hören bekommt. Ich lebe seit 6 Jahren in Ost-Deutschland. Bin ohne Vorurteile hierher gekommen, habe viele liebe Menschen kennen gelernt und bin dennoch oft verzweifelt, über die Engstirnigkeit derer, die heute noch behaupten, dass die DDR nach ihrer Meinung ruhig hätte bleiben können. Sie leben ausnahmslos in schicken Häusern, haben ihr geregeltes Einkommen, fahren einen Mittelklasse-Wagen und jammern. AUF HÖCHSTEM NIVEAU! Und wie kann ich, wie eine der "Schreiberinnen" in diesem Forum behauptete, beurteilen, wie marode der Westen ist, wenn ich gerade mal zu einer Familienfeier dort war? Als Abschluss: Wir haben um die Menschen in der DDR gezittert und gelitten, wir haben uns riesig für sie gefreut, als sie frei waren. Und wenn ich, wie heute im Nordkurier, lesen muss, dass eine junge Frau einen arroganten Wessi kennen gelernt hatte, frage ich mich: " Hätten Sie, liebe Ost-Deutsche sich ähnlich gastfreundlich verhalten, wie es 1989 für uns selbstverständlich war? Und fragen Sie sich doch bitte, wer arroganter ist: Der, der gibt oder der, der alles bekommt und dann noch unzufrieden ist. Meine Meinung: wenn wir die Deutsche Einheit wollen, schaffen wir es nur gemeinsam!

Bild von Lucky

Wie erlebt Lucky momentan die deutsche Einheit?

Zur Frage "Wo wir in der deutschen Einheit stehen?" - Einige Schlaglichter, Gedankensplitter, Eindrücke eben... 1. Persönlich glaube ich, das sehr viel erreicht worden ist und dass wir alle - Ost und West - darauf stolz sein können. 2. Die "Einheit" ist vor allem äußerlich sichtbar: Infrastruktur, schöne moderne Straßen, moderne Einkaufscenter, schöne Eigenheimsiedlungen, sanierte bzw. gepfelgte Landschaften, respektable Firmengebäude, Ortskerne und Innenstädte mit Flair und schönen Freizeitangeboten etc. etc. etc. Das ist alles gewachsen, es sind aber vor allem Äußerlichkeiten - die sogar Vorurteile bedienen und schüren. Beispiel: Klassenkameraden (West), die mir beim Klassentreffen einreden wollen, dass es "denen im Osten doch sehr gut geht" und man brauche den Soli überhaupt nicht, es sei schon viel zu viel Geld in den Osten geflossen, das könne auch jeder sehen. Und das habe alles der Westen dorthin gebracht.... - ach, ich kann es nicht mehr hören. So denken nicht alle, aber zu viele, und sie streiten sogar für diese Meinung. Wenn ich das dann als "Wessie", der im Osten angekommen ist, versuche aufzuklären, hört man sich das staunend und zweifelnd an, möchte das eigentlich nicht zur Kenntnis nehmen (es gibt natürlich auch Ausnahmen). Vor allem Leute, die noch kaum oder sogar noch garnicht im Osten waren, "kleben" an ihren (falschen) Vorurteilen. Da ist die Einheit in den Köpfen nicht vollendet! 3. Ich treffe Bekannte und Verwandte (West), die nach der Wende für kurze Zeit im Osten "Aufbauhilfe" leisten mussten, aber einige persönliche negative Erfahrungen durchlebt haben, sogar, dass Geld "verbrannt" wurde - und schon kommt im Endresultat jetzt nach vielen Jahren heraus: Da laufe vieles falsch im Osten, Schwierigkeiten seien dort meist hausgemacht, und Hilfe (Soli) sei eigentlich nicht mehr nötig. hier hat sich Frust aus der Wendezeit nachhaltig festgesetzt. Einheit fortgeschritten? Zumindest in den Köpfen eher nicht. Der andere Blickwinkel, schließlich lebe ich ja seit 1990 im Osten, in Thüringen. Dort habe ich einen größeren Freundes- und Bekanntenkreis, der dort herstammt. Nette Leute, einfache und hochintelligente. Die meisten haben ein gutes Auskommen, einen Job, einige verdienen ziemlich gut, manche aber auch nur bescheiden. Die meisten haben aber eine schöne Wohnung, Autos sowieso, manche ein Eigenheim. Obwohl sich alle durchweg selbstverständlich zur Einheit bekennen, sind die meisten davon überzeugt, dass sie a) im Osten benachteiligt sind (Arbeitsmarkt, Verdienst, Chancen etc.) b) das es ihnen vergleichsweise schlechter geht, c) dass die Politik dies alles nicht wirklich regele im Osten d) dass, wenn es irgendwo Probleme gebe, doch der Staat viel mehr tun müsse e) dass sie gegenüber deutschstämmigen Aussiedlern (etwa aus ehemals sowjetischen Gebieten) benachteilihgt würden - dann kommt bei den Bekannten sowas wie Fremdenhass auf, weil unser Bekannter (Ost) nicht einsieht, warum eine vor einem oder zwei Jahren zugezogene Aussiedlerfamilie etwa "ein bestimmtes Auto fährt" oder "sogar in ein neues Reihenhaus" eingezogen ist... etc. Und dann wird sogar noch behauptet, diese (übrigens fleißigen) Leute würden den Menschen vor Ort Arbeitsplätz wegnehmen (Vielleicht denken sie das ja auch von den Wessies, die hier im Osten arbeiten, ich habe manchmal das Gefühl)... Wenn manchmal ausgelassen gefeiert wird in größerer Runde, hab ich es immer wieder bis in die jüngste Zeit erlebt, dass im alkholisierten Zustand unter Freunden und Bekannten schlimme Vorurteile wach werden, Frust verbal abgeladen wird. Grundtendenz meist: "Im Osten seien die Menschen nach wie vor benachteiligt". oder - etwa im Arbeitsleben: "da sei man sowieso nur Mensch zweiter Klasse weil eben aus dem Osten" und " es sei Aufgabe des Staates, die Dinge zu richten, sich zu kümmern"... Wenn ich als geborener Wessie und gewachsener "Wossie" dann den Versuch unternehme, dies zu entschärfen, richtig zu stellen, etwa , dass es nicht der Staat für die Menschen vorrangig richten müsse sondern die Menschen sich miteinander kümmern müssten, sich selbst engagieren sollten, Mitverantwortung übernehmen müssten, nicht ständig nach Vater Staat rufen dürfen, dann werde ich meist "abgewatscht" und habe schlechte Karten. Mein Eindruck ist (leider), dass viele sich in ihren Vorurteilen und in ihrem Frust bestärken, nach dem Vater Staat rufen, der es für sie angenehm und schmerzfrei richten soll... Und schließlich ein weiteres Bild: Ich treffe auf Leute, die nach (und vor) der Wende einiges Geld auf die hohe Kante legten und sich damit einen eigenen "Betrieb" eingerichtet haben. Und nun auch einige wenige Mitarbeiter haben. Die sind, was den vereinbarten Lohn angeht, aber völlig unterbezahlt, quasi im "Mini-Job". Die Leute arbeiten aber nicht nur wenige Stunden bzw. halbtags, sondern tatsächlich voll. Sie bekommen offiziell nur einen Betrag als Geringverdiener, den anderen Teil quasi unter der Hand, also schwarz. Die Beschäftigten beklagen sich eigentlich kaum, nehmen das so hin. Ihr Arbeitgeber ist der Meinung, dass sein Weg richtig ist, weil er hier im Osten ohnehin benachteiligt sei. Alle sind frustiert und sind sich einig. Zweifelhafte Einheit Ost. Ich vermag nicht zu sagen, ob es viele solcher Fälle gibt, denn ich kenne natürllich nur wenige davon. Allerdings kenne ich diese "Praxis" aus dem Westen von früher her nicht, will aber nicht ausschließen, dass es dort auch so etwas gibt.. Ich finde es schlimm, dass sogar die auf diesem Wege benachteiligten Arbeitnehmer und deren Angehörige der Meinung sind, dies sei nötig und eine Folge davon, dass der Osten benachteiligt sei... Ich will dies nicht weiter kommentieren! Ich habe nur in einer ganzen Reihe von Gesprächen mit verschiedenen Leuten festgestellt, dass etwa das Unrechtsbewusstsein (ob denn solche Beschäftigungsmöglichkeiten oder sogar anteilige Schwarzarbeit nicht zu akzeptieren seien) oft nicht sonderlich ausgeprägt ist. Doch die Schulzuweisungen werden nicht gegen die Verursacher erhoben, sondern gegen das "System", gegen den Staat, der "nicht die normal bezahlten Jobs zur Verfügung stellt". Der Staat soll es richten - diese Haltung bedeutet für mich, in den Köpfen ist die Einheit arbeitsmarktpolitisch nicht angekommen. Vielleicht ist das alles nicht wirklich repräsentativ, aber es sind keine Einzelfälle. Mein Fazit deshalb: Wir sind auf dem Weg der einheit zwar ein gutes Stück vorangekommen. Der Weg ist aber eine ziemliche Durststrecke und mitunter recht steinig. Erfrischung und Erleichterung werden immer wieder von "Vater Staat" verlangt. Anpacken (also arbeiten) wollen eigentlich alle - und gut verdienen. Allerdings gehen die Meinungen, welche Belastungen man dafür in Kauf nehmen müsse, himmelweit auseinander. Ein letzter Eindruck an dieser Stelle: Ich besuche regelmäßig ein Fitnesscenter und treffe dort morgens vor allem ältere Menschen aus der Region. Denen - meist Rentner - geht es vergleichsweise gut - ordentliches Auskommen, schöne Wohnung oder viele haben ein Eigenheim und respektable Autos sowieso. Doch beim Plausch zwischen der Fitness sind ganz viele dieser Leute zumindest verbal unzufrieden, beklagen ständig Ungerechtigkeiten zwischen Ost und West und was alles "früher hier besser war". das sind übrigens teilweise recht intelligente Leute, die sich derart ihren Frust erzählen. Von vollendeter Einheit kann dabei ja wohl nicht die Rede sein, auch wenn dann einige (nicht alle) voller Stolz von ihren "zahlreichen Reisen" berichten. Schlecht geht es ihnen also nicht, aber der Frust ist dennoch oft ihr zentrales Thema. Warum? Wo ist da die Einheit auf der Strecke geblieben?....

Bild von WernerHeinrich

Wie erlebt WernerHeinrich momentan die deutsche Einheit?

Schlagworte: 

Mit gemischten Gefühlen der Neidgesellschaft gegenüber. Erst wenn in den Medien die Worte Ost und West nicht mehr auftauchen ist die Einheit vollendet.

Bild von Patriot

Wie erlebt Patriot momentan die deutsche Einheit?

Alltag in einem demokratischen Gemeinwesen, mit seinen Vorzügen und Schwächen der sozialen Marktwirtschaft in der globalisierten Welt.

Bild von generation88

Wann ist für generation88 die deutsche Einheit erfolgreich vollendet?

Ich denke, die deutsche Einheit ist erst dann vollendet, wenn es eine Generation gibt, die ihren Köpfen kein aktuell geteiltes Deutschland kennt - sie macht keinen Unterschied zwischen "Wessi" und "Ossi", zieht fürs Studium oder die Ausbildung in die neuen Bundesländer, etc.
Dafür muss sich noch eine Menge tun. Einmal muss sich die Präsentation der neuen Bundesländern stark verbessern. Dann muss Deutschland in allen Bereichen gleich sein, überall sollten gleiche Bedingungen herrschen, sodass keine Grenzen mehr zu spüren sind. Für diese Aufgaben benötigt es noch viel Zeit, viel Arbeit und auch viel Geld.
Vielleicht muss für einen Wechsel der Mentalitäten, um es sehr drastisch zu sagen, die Generation der Zeitzeugen verstorben sein, damit deren Meinungen nicht mehr das Bild von Ost/West oder aber Süd/Nord beeinflussen.

Bild von Barbarossa

Was verbindet Barbarossa mit dem 9. November 1989 - dem Tag der Maueröffnung?

Für mich war das einer der Tage, die man im Leben nie vergißt. Ich war damals 22 Jahre alt und hatte Nachtschicht und so habe ich alles live miterlebt. Bevor ich zur Arbeit ging, habe ich zuerst im ZDF die Heute-Nachrichten gesehen und anschließend im Osten die "Aktuelle Kamera" (das habe ich in der Wendezeit täglich gemacht). Dort habe ich auch die legendäre Pressekonferenz gesehen, in der Günter Schabowski das neue Ausreisegesetz vorlas. Ich selbst habe es zu diesem Zeitpunkt zwar zur Kenntnis genommen, habe es aber zu diesem Zeitpunkt nicht auf mich selbst bezogen - ich dachte zunächst, daß damit diejenigen gemeint waren, die teilweise seit Jahren einen Ausreiseantrag zu laufen hatten. Für diese Leute freute ich mich zu dem Zeitpunkt. Ich ging dann zur Arbeit. Als ich mit der Arbeit fast fertig war - kurz nach Mitternacht - kam ein älterer Kollege angelaufen und meinte: "Du, ich hör gerade Radio - die rennen alle auf dem Ku´damm rum!" Völlig fassungslos und ungläubig ging ich mit und wir hörten die restliche Nacht Radio. Als ich nach Hause kam, wußten natürlich auch meine Eltern schon davon. ich ging erst mal ein paar Stunden schlafen und meine Mutter besorgte die Visa für uns alle. Mein Onkel - der Bruder meiner Mutter - wohnte seit 1986 in Westberlin (er ist gegangen worden), ihn besuchten wir und ich blieb das ganze Wochenende dort (der 10. 11. ´89 war ein Freitag). Er zeigte mir vieles in Westberlin, was ich sonst nur aus dem Fernsehen kannte. Die Emotionen die wir alle hatten, kann man eigentlich kaum beschreiben, man muß ja dabei berücksichtigen, daß wir bis dahin damit nicht gerechnet hatten und dachten, daß wir erst als Rentner in den Westen kommen würden. Selbst das neue, erst kurz davor erlassene Reisegesetz, brachte kaum Verbesserungen. So lief ich durch Westberlin teils immernoch fassungslos, neugierig, glücklich, aber einmal auch verärgert über eine Frau mittleren Alters, die sich bereits am 10. 11. 89 über die vollen S-Bahnen aufregte und meinte, sie hoffe, die Mauer wird bald wieder zu gemacht (typische "Insulaner-Mentalität" - scheint es bis heute dort zu geben, waren aber längst nicht alle so). In den folgenden Monaten fuhr ich noch oft nach Westberlin, Ausweis und Reisepaß waren nachher voll mit Visa. Überhaupt war die Wendezeit für mich eine der schönsten, interessantesten, ja, spannensten Zeiten in meinem Leben, in der ich auch politisch aktiv wurde und im Februar 1990 in den "Demokratischen Aufbruch" eintrat. Ängste meinerseits ? Null. Eine gewisse Unsicherheit war schon vorhanden, das weiß ich noch. Eine Frage geisterte immer herum: Bleibt die Grenze jetzt offen oder haben "Die" (die SED-Regierung) das nur gemacht, um die Menschen mal kurz den Westen anschauen zu lassen um sie dann wieder zu schließen. Ich habe jedoch immer die Meinung vertreten, daß die Grenze offen bleibt und hab immer gesagt - dann gibts doch gleich wieder Demos ohne Ende, wir sind doch gut drauf - wußte aber auch nicht so recht, warum "sie" diese bestgesicherteste Grenze der Welt, an der man noch kurz davor erschossen werden konnte nun plötzlich offen steht. Niemand traute "denen" so recht. Wie sich einige Zeit später herausstellte, war das Mißtrauen auch berechtigt, denn diese "Maueröffnung" war so gar nicht geplant gewesen, es war "nur" ein Mißverständnis innerhalb des Politbüros.

Bild von Moderation Thiele

Ost-West-Begegnungen

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Beschreibung: 
Zwei Menschen auf einem U-Bahnhof in Berlin. Sie sind in politisch unterschiedlichen Systemen geboren und aufgewachsen: in Ost- bzw. Westdeutschland. Bei Begegnungen im Alltag entwickeln sich Gespräche, durch das gegenseitige Kennen lernen findet eine Annäherung statt, das Verständnis füreinander wächst.
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