Wie erlebt goythal momentan die deutsche Einheit?

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Sehr, sehr weit auf dem Weg zu einem "einigen" Land. Man muss schon ein bisschen von dem Medieninteresse an Ost-West-Unterschieden und "Ostalgie"-Erscheinungen absehen, um das Erreichte nüchtern zu würdigen. Nirgendwo auf der Welt und niemals zuvor hat eine Region mit 16 Mio. Bewohnern einen derart rapiden sozialen, politischen und wirtschaftlichen Wandel - in nur 20 Jahren! - mitgemacht. Die Klagen von etwa einem Viertel der ostdeutschen Bevölkerung, dass ihnen die Einheit wenig oder gar keinen Gewinn brachte, sind nachvollziehbar, wenn man berücksichtigt, dass rascher sozialer Wandel (wie etwa in der Frühindustrialisierung des 19. Jahrhunderts und derzeit im Aufstieg Ostasiens) stets erhebliche Anpassungslasten für die betroffenen Menschen einschliesst. Ausserdem haben auch manche Funktionsträger der SED-Diktatur gewisse Sicherheiten und Privilegien genossen, für deren Verlust es im vereinten Deutschland verständlicherweise keine Entschädigung geben kann. Schmerzhafter sind die Verluste an Lebenszeit und Selbstbestimmung, die die Opfer des SED-Regimes erlitten und die ach nicht mehr mit Geldzahlungen ausgeglichen werden können. Auch wenn es noch rund eine Generation dauern wird, bis die Teilung der Erfahrungen überwunden ist, bleibt die gesamte Zeitspanne des Vereinigungsprozesses doch - im historischen Vergleich - recht kurz.