Wie erlebt materockt momentan die deutsche Einheit?

Ich bin persönlich sehr dankbar für die deutsche Einheit, sind meine Möglichkeiten dadurch doch vervielfacht worden. In der Gesamtempfindung scheint mir die Einheit noch lange nicht abgeschlossen.
Identifikation
Von einer Deutschen Identität zu sprechen ist schwieriger geworden, da durch die Größenzunahme und die Wiedervereinigung so vieler unterschiedlicher deutscher Völker eine deutsche Identität wieder mehr ein Konstrukt ist, als tatsächlich eine Beschreibung für alle Deutschen. Die jahrhundertelange Vielstaaterei hat viele unterschiedliche Kulturräume geschaffen, das ist durch das Hinzukommen der Sachsen, Mecklenburger, Brandenburger etc. in einen Gesamtdeutschland nur noch deutlicher und stärker geworden.
Viel eher fühle ich mich als Europäer.
Verfestigung
Durch die Schwierigkeit eine gesamtdeutsche Identität zu bilden, suchen die Menschen wieder mehr nach regionalen Wurzeln. Die Folge ist, dass sich bestehende Meinungen über "andere" Deutsche verfestigen und diese „anderen“ unbekannter werden. Mir kommt es so vor als würde der „Ostdeutsche“ als Archetyp geformt werden, weil man ihn nicht kennt, über den dann neue Vorurteile entstehen. In den vorrangig immer noch westdeutsch produzierten Medien erlebe ich oft, dass von den Ostdeutschen gesprochen wird als seien sie nicht integriert. Wo denn integriert? In der „alten“ BRD? Diese Grundhaltung, dass die westdeutsche Gesellschaft, die ist in die sich die Menschen (Ostdeutsche und andere Immigranten) integrieren müssen, halte ich für falsch. Auch wenn es politisch so erzwungen wurde. Statistiken werden immer noch getrennt aufgearbeitet, dass mag in der genaueren Analyse interessant und berechtigt sein, verfestigen aber auch, dass die Deutschen immer noch durch eine innerdeutsche Grenze getrennt sind.
Anerkennung
Ich empfinde die derzeitige gesamtdeutsche Haltung zur Wiedervereinigung so, dass der Normalzustand westdeutscher Lebensweise in Ostdeutschland eingeführt werden soll, bis die perfekte Anpassung an den Normalzustand erreicht ist. Dabei fehlt es mir in der gesamtdeutschen Wahrnehmung an Anerkennung für das was die Ostdeutschen selbst geleistet haben. Eine innerdeutsche friedliche Revolution, die deutsch- und europapolitisch so viele Wellen geschlagen hat, die in einem undemokratischen Staat ausgeführt wurde, bei der auch viele Menschen hätten sterben können. Das muss den Ostdeutschen anerkannt werden! Und es wird zu wenig gemacht. Ein Beispiel ist der Feiertag der Wiedervereinigung. Gefeiert wird der Tag an dem die politischen Termine gefestigt waren, staatstragend abgehalten, viel zu wenig emotional. Der Tag des Mauerfalls, herbeigeführt von Millionen friedlicher Demonstranten, emotional freudig aufgeladen, wäre in meinen Augen der viel bessere Tag die Wiedervereinigung zu würdigen!
Die westdeutschen Bürger haben nicht diese lebensumwerfenden Veränderungen mitgemacht, oder sogar selbst herbeigeführt wie die Ostdeutschen. Quasi nur ausgesessen. Der Tag der Wiedervereinigung drückt genau dies aus, vom Staat oktroyiert. Für mich persönlich ist der Tag des Mauerfalls viel bedeutender, da sich an diesem Tag viel mehr das akkumuliert hat, was aus den Menschen selbst kam.
Fazit
So gesehen empfinde ich die deutsche Einheit als enttäuschend, wenig gleichwertig. Es hätte vieles anders gemacht werden sollen. So hätte z.B. auch die Wiedervereinigung kein Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der BRD sein dürfen. Vielmehr hätten die jahrzehntelangen Versprechen eingelöst werden müssen, bei einer Wiedervereinigung eine neue gesamtdeutsche Verfassung aufzusetzen, die dann von einem gesamtdeutschen Volk in Abstimmung angenommen hätte werden müssen. Das hätte einen beginnenden Einstieg in eine gleichwertige Wahrnehmung aller Deutschen bedeutet. Deutschland ist noch keine 20 Jahre alt, und die „alte“ BRD hätte besser mit der DDR zusammen untergehen sollen.
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